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Moral beim Bäume fällen
Verfasst: 12.12.2003, 11:29
von Markus
Hallo Freunde des Bogenbaus,
angeregt durch den Artikel über den Einschlag von Eiben in der neuen TB ("Ohne Säge in den Wald" o.ä.) habe ich mich mal wieder gefragt, wie es mit der Moral beim Bäume hacken für den Bogenbau steht.
Hier im Forum wird des öfteren direkt oder indirekt dazu aufgefordert, sich das benötigte Holz einfach aus dem Wald oder Park zu holen. Ist ja auch relativ einfach, mit einer Säge bei Nacht und Nebel die Robinie am Bahndamm oder den Hasel am Wanderpfad zu stutzen.
Meine Frage ist nicht die nach Recht und Gesetz, sondern viel mehr, wie halte ich es mit den Bäumen. Letztendlich hacke ich ein Lebewesen um, das sich sicher auch über ein langes Leben freuen würde (ich weiß, das ist eine menschliche Sicht der Dinge), und das nur, damit ich meinen Spass habe. Ich brauche den Baum nicht wirklich, zumindest nicht zum überleben.
Kann, darf, soll ich so handeln? Soll, kann, muss ich mein Handeln wieder gut machen, in dem ich neue Bäume pflanze?
Ich denke, es sollte ein Geben und Nehmen sein und nicht nur ein einseitiges Nehmen unsererseits. Nur, wie soll des gemacht werden?
Wie haltet ihr es mit Eurer Moral? Ist es egal, stehen die Bäume eh im Weg? Ist ein Baum mehr oder einer weniger zu vernachlässigen?
Und bevor einer auf die Idee kommt, das Gefasel ist nur weil bald Weihnachten ist, dem sei gesagt, dass mich die Sache schon länger beschäftigt. Mich macht es einfach auf eine bestimmte Art nachdenklich, bisweilen sogar traurig, wenn ein Baum gefällt wird, egal, ob für den Bogenbau oder weil er von Sturm geschädigt wurde oder weil er aus forstlichen Gründen weg soll.
Die Moralfrage wurde hier auch schon an anderer Stelle zu anderen Themen gestellt und auch ausgiebig diskutiert. Ich bin schlicht der Überzeugung, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken.
Schönen Gruß,
Markus
Verfasst: 12.12.2003, 11:55
von Niels
Hallo Markus,
nachdem ich zusehen durfte, wie routiniert Du die Motorsäge schwingst, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, dass Dich solche Gedanken beschäftigen.
Aber ich finde das Nachdenken darüber durchaus ehrenwert und passend, solange es nicht allzu sehr in die vermenschlichende Richtung (so nach dem Motto: mein Freund der Baum darf niemals sterben) geht. Wenn man sich mit seinen minimalen Eingriffen in die Natur noch innerhalb der normalen Kreisläufe bewegt, den Respekt nicht verliert und keinen wilden Raubbau betreibt, halte ich das Fällen eines Baumes für völlig in Ordnung auch wenn es nicht überlebenswichtig ist. Würde man die Überlebensfrage zum alleinigen Kriterium für sämtliche Eingriffe in die Natur erheben, dürfte man den Wald konsequenterweise eigentlich überhaupt nicht betreten und würde den Bezug zur Natur vollständig verlieren.
Was unsere Ulmen anbelangt, kann ich Dich übrigens beruhigen. Die aus unserem Dorf hatte der Wind bereits gelegt und die Berliner Bäume mußten wohl aus Sicherheitgründen gefällt werden. ;-)
Viele Grüßen aus den Schweriner Sandlanden
Niels
Lieber Recyclen!
Verfasst: 12.12.2003, 11:58
von Archiv
Naja, man könnte es auch übertreiben...
Es rennen ja nicht 10000 Bogenbauer jedes Wochenende in die Wälder!
Ich bin aber auch in jedem Fall dafür, dass man erstmal alternative Wege sucht und sich nach Stürmen (hatten wir in Berlin die letzten Jahre massiv!) einfach mal beim Förster des Vertrauens erkundigt, was dahingeschieden ist, und das zu verwerten. Das ist m. M. nach doch die edelste Art für einen Baum, zu gehen... ;-)
Bei meinen Eltern im Garten ist gerade ein riesen Walnussbaum gefällt worden und das hat mir schon einen Stich gegeben, aber er war zu groß und für den Platz gibt es alternative Verwendungsmöglichkeiten, die mir
persönlich auch nicht ungelegen kommen werden

.
Was mich sehr beeindruckt hatte war, dass unser erster Hund immer sehr verstört reagiert hat, wenn mal ein alter (und in der Regel ersetzter) Obstbaum abgesägt wurde.
Weiß bis heute nicht so recht, was ich aus dem Eindruck machen soll und ich bin bin bestimmt kein Hippie, trotz erklärter Liebe zu San Francisco!
Aber das war wirklich ziemlich bizarr damals.
Verfasst: 12.12.2003, 12:09
von Hegges
Der Bericht in der TB über die Eiben ist echt nicht schlecht.Ich hab schon länger überlegt ob ich nich Eiben und Osage anpfanzen soll, Platz genug wäre vorhanden. Die Frage ist aber, darf ich die Eibe dann überhaupt fällen.
Hasel hab ich schon geerntet ( 2 Stück ), der wächst bei uns zuhauf und auch Robinie ( Privat ) werd ich demnächst holen.
Über die Weihnachtsbäume die jedes Jahr im Wald geklaut werden weiß doch auch kaum jemand was.
Weihnachtsbäume hab ich selbst genug die brauch ich nicht bei Nacht und Nebel zu holen.
Grüße Hegges
Bäume fällen
Verfasst: 12.12.2003, 12:22
von gervase
Einen Baum nur zum Bogenbauen zu fällen ist meines Erachtens nicht nötig. Ich schau mich halt um, wo gerade Holz geschlagen wird, das dann sowieso verfeuert wird oder zum Teil einfach liegenbleibt. (bei der vorherrschenden Bewirtschaftungsmethode unserer Forsten mit dichter Anordnung muss ab und zu halt durchgeforstet werden, um den anderen Bäumen Luft zum Wachsen zu verschaffen. 8-| Nacanina, ich weiss, das ist eine sehr vereinfachende Darstellung).
Die Ulmen, die ich schlage, haben aufgrund desSchädlingsbefalls eine maximale Lebenserwartung von höchstens noch 3-4 Jahren und wären sowieso gefällt worden.
Die Eibe, die jetzt unten im Garten liegt, musste einem Verkehrsprojekt weichen und wurde mit einer Ausnahmegenehmigung der unteren Naturschutzbehörde gefällt.
Und gestern fahr ich auf eine Baustelle, da wird jetzt im nahen Wald gerade Robinie gefällt. Da liegt jede Menge Bogenholz rum. Ich hab gleich den Förster angerufen und darf mir 3-4 Ster davon holen.
Ich denke, wenn man die Augen ein bisschen offen hält, gibt es genug Möglichkeiten, an Holz zu kommen, ohne extra gesunde Bäume fällen zu müssen. Und ansonsten besteht ja mein Beruf zu einem grossen Teil daraus, Bäume und Sträucher zu pflanzen ;-)
gervase...
Verfasst: 12.12.2003, 13:49
von Ravenheart
...spricht mir mal wieder aus dem Herzen! Überall werden Bäume gefällt, ich komme mit dem Einsammeln gar nicht hinterher!
Halte die Augen offen, erzähle möglichst vielen Leuten davon, dann funzt das auch ohne Fällen!
Rabe
RE: Moral beim Bäume fällen
Verfasst: 12.12.2003, 16:13
von Prywinn
Hey Markus, daran habe ich ebenfalls oft gedacht, habe mich aber nicht ins forum getraut, weil ich weiss, was bei anderen themen mit ethik passieren kann.
In meinen Augen sollte man wirklich versuchen, nicht extra irgendwelche Bäume zu fällen, wenn es alternativen gibt.
Verfasst: 12.12.2003, 16:48
von silvio
ist es denn moralischer, einen holzbogen zu kaufen, nur weil die "drecksarbeit" jemand anderem überlassen worden ist?
man kann ja wirklich alles übertreiben.
ich denke, die traditionalisten verfügen über ausreichend ehrfurcht vor der natur und den bäumen und betreiben keinen raubbau.
übrigens, fährst du auto? die meisten grünen die ich kenne schon. aber da besteht natürlich kein zusammenhang zum baumsterben.
Eiben schützen, Robinien roden
Verfasst: 12.12.2003, 17:25
von Ulmenblatt
Die Frage, ob man für den Bogenbau Bäume fällen soll oder nicht, kann nicht generell beantwortet werden. Schamlose Profitsucht und Kriegstreiberei haben im Mittelalter die Eibe beinahe zum Aussterben gebracht. Noch heute haben sich die Bestände nicht mehr erholen können, und sie gilt als gefährdet. Deshalb, so meine ich, sollten keine Eiben "nur" für den Bogenbau gefällt werden.
Bei Robinien - als Gegenbeispiel - braucht man - zumindest hier in Europa - keine Hemmungen zu haben. Die Robinie ist ein fremder Baum (aus Amerika eingeschleppt), der gerade aus Naturschutzgründen zu beseitigen ist, da er sich breit macht und einheimische Arten verdrängt. Also schadet es sicher nichts, wenn sich die Bogenbauer über die Robinien (robinia pseudoacazia) hermachen. Das heisst natürlich nicht, dass wir das Forstmanagement by Kettensäge in die eigene Hand nehmen dürfen

Welches Holz?
Verfasst: 12.12.2003, 19:06
von Taran
Ich finde eure Beiträge allesamt bedenkenswert und auf hohem Niveau - noch kein einziges "Plattmacherargument"!
Ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht. Darum habe ich besonders am Anfang und zum "Üben" des Bogenbaus so gerne Hasel genommen. Dem Busch schadet es nicht, wenn ein, zwei Stangen herausgeschnitten werden, im Gegenteil, es kommt wieder mehr Licht durch. Hasel wächst schnell und ist reichlich vorhanden. Mit gutem Gewissen kann ich sie verwenden und habe mich mit dieser Pflanze irgendwie "angefreundet", - klingt komisch, ich weiß.
Ansonsten stehe ich auch auf dem Standpunkt: reichlich vorhandenes Holz nutzen, Förster oder berufliche "Holzer" fragen, was sowieso anfällt. Ich verwende also weder Eibe noch Osage - finde beides nicht so toll.
Eibe: gefährdet und giftig
Osage: meist mit riesigem Energieaufwand aus Übersee hergeschafft.
Nachhaltigkeit
Verfasst: 12.12.2003, 19:52
von Nacanina
Nachhaltigkeit! Dieser Begriff, der jetzt in aller Munde ist, wurde vor ein paar hundert Jahren von einem Förster geprägt.
Und er bedeutet (vereinfacht), daß nur so viel Holz geschlagen werden darf, wie nachwächst.
Wenn die Försterei viele Jungbestände hat- wird eben mehr stehen gelassen. Wer entscheidet das?
Alle 10 Jahre wird von einer externen Stelle eine Forstinventur gemacht und Bestandesweise u. A. Höhen, Durchmesser, Stammzahlen und Zuwachs errechnet. Dieser Mann legt fest, was ich einschlagen darf und soll. Und auch wo, und was und wie viel.
Das sind bei mir im Revier so schlappe 9000 (in Worten: Neun Tausend!) Kubikmeter Holz im
J a h r ! Da sollten sich nicht ein paar Bogenstäbe finden lassen???
Welche Bäume ich dabei aussuche ist meine Aufgabe. Denn von den ~ 200 000 Keimlingen pro ha Buchenverjüngung bleiben im Alter 140 (Jahre) nur noch ca 50 großkronige Alte Buchen übrig. Alle übrigen sind gestorben (natürliche Konkurrenz) oder wurden gefällt.
Beim Aussuchen der zu fällenden Bäume habe ich eine Menge Informationen gleichzeitig zu integrieren. Ein wesentliches Kriterium ist aber: was verlangen die Holzkunden jetzt und ev in Zukunft? Wenn ich weiß, dass ich für Eschenstaves in Zukunft 1000€ bekomme (nachhaltig), wenn die Bäume eine einsetige Krümmung aufweisen, dann werde ich darauf bei der Arbeit reagieren. Z. Zt. ist es aber so, dass vor allem gerades, astfeies, dickes Holz gesucht ist. Deshalb m u ß der Bowstave so oder so aus dem Bestand. Entweder als Bowstave, oder als Brennholz.
Generell gilt, dass wir das Holz so klassifizieren, das der Käufer, der den höchsten Preis bezahlt, also die höchste Wertschöpfung erreicht, den Zuschlag erhält. Aber alle Kollegen, die ich kenne, haben ein Herz für Sondertypen: der Drechsler, der Geigenbauer. Warum nicht auch der Bogenbauer...
Fragt die Kollegen.
Verfasst: 12.12.2003, 20:15
von Nacanina
Kleine Ergänzung:
es passen 25 Stämme in einen Kubikmeter Bogenholz, wenn ich unterstelle, dass der Stamm 15 cm Durchmesser hat und 2 m lang ist.
Wenn ich pro Stamm nur 4 Staves bekomme, sind das immerhin 100 Bowstave pro Kubikmeter.
Da habe ich keine Probleme von den 9000 kubikmetern ein paar Staves zu machen...
Gerade in dieser Altersgruppe verläuft das Wachstum und damit die Konkurrenz sehr stürmisch.
Ich muß teilweise ein Drittel der Stammzahl entnehmen, weil die Kronen sich nicht mehr entfalten können. Das sieht im ersten Jahr grausig aus. Nach drei Jahren sieht man davon nichts mehr, und nach fünf bis sechs Jahren muß ich den Vorgang wiederholen. Ich lenke dabei den Zuwachs auf die Bestandesmitglieder, die ich aus den verschiedensten Gründen bevorzuge.
Ganz anders ist die Situation mit seltenen un oder schönen Bäumen. Als Einzelbaum oder als Baumgruppe. Da hindert mich niemand, diese stehen zu lassen.
Zu den Baumarten, die in meinem Revier "heilig" gesprochen sind, gehören u. A. Elsbeere, Wildapfel, Wildbirne, Flatterulme und natürlich Eibe. Die habe ich aber auch aus Naturschutzgründen gepflanzt, als ich noch keine Bögen gebaut habe. Diese Baumarten werden nicht gefällt, und alle (Waldarbeiter, Holzrücker) sind dazu verdonnert, diese Bäume auch nicht zu beschädigen. Sie sind meißt gekennzeichnet und ich weiß, wo sie stehen.
Ausnahmen werden nur aus Notstandsgesichtspunkten gemacht. Z. B.: Hohler Baum an einem Parkplatz. Wenn ich den stehen lasse, mache ich mich strafbar...
Und hafte nach BGB.
Säge hier, Säge dort
Verfasst: 12.12.2003, 21:03
von Ulmenblatt
@Nacanina
Man liests, da schreibt der Förster. Gute Ausführung.
Allerdings besteht die Gefahr, dass mit diesen Mengen-Beispielen (9000 Kubikmeter - ist viel, ist nicht so viel - ist relativ) manch bescheidener Bogenbauer sich denkt, "naja, so gewaltige Mengen, da kann ich das eine oder andere Stämmchen schon kappen, schadet ja nichts".
Und wenn dan nur drei Bogenbauer ein paar Mal im Jahr mit der Klappsäge in der Jackentasche eine Hektare Wald (10'000 Quadratmeter) betreten und hier und dort ein Stämmchen fällen, gereicht das der Waldpartie über kurz oder lang nicht zum Wohl.
Das beste Mittel, den Wald in all seiner Vielfalt und seiner Nutzfunktion zu erhalten, ist, den Leuten den Wald ans Herz zu legen.
Verfasst: 12.12.2003, 22:23
von Nacanina
Es wachsen aber auch 8-12 Kubikmeter pro jJahr zu. (zumindest bei mir im Revier)
Da findest du allemal genug....
Verfasst: 12.12.2003, 22:24
von Nacanina
sorry: pro ha natürlich.