Hoi zusammen,
hmmm, "netter" thread, erst mal eine Literaturempfehlung: Christoph Bördlein: "Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine"
Ist ein ziemlich gutes Skeptikerbuch mit einer kostenlosen Leseprobe unter:
www.boerdlein.gmxhome.de/Mond.pdf und wie der Name der .pdf-Datei schon sagt geht es in der Leseprobe um das hier besprochene Thema: den Gevatter Mond. Ist sehr zu empfehlen.
Dann ein paar Cent zu den hier konkret angesprochenen Punkten:
Anything Goes
Findet sich hier häufig - "man kann es ja eh nicht untersuchen, ob ein Einfluß *wirklich* existiert, also sind alle Behauptungen gleichwertig" - stimmt nicht ganz. Im Gegensatz zu "Holz ist nicht gleich Holz - wie soll man das untersuchen" gibt es durchaus (mehr als) eine Methode um zumindest mit genügender Sicherheit eine These zu widerlegen oder zu stützen.
Beispiel:
Man schnappt sich eine Baumschule von 80 möglichst gleichen Bäumen, die nummeriert man von 1 - 80 durch, dann wartet man bis zum Vollmond, eine sonst nicht in die Untersuchung involvierte Person bestimmt per Zufallsauswahl 20 Bäume, die werden gefällt und untersucht (Ergebnisse jeweils mit Baumnummern kodiert). Selbiges macht man mit 20 weiteren Bäumen beim nächsten Neumond. Dann wartet man einige Zeit bis zum irgendwann wieder *Neumond* ist, fällt wieder 20 Bäume, waretet dann bis zum nächsten Vollmond und fällt die letzten 20.
Durch dieses Vorgehen
- hat man genügend Bäume für einen Gruppenvergleich (Vollmond vs. Neumond)
- kann man die Hypothese überprüfen, daß die Reihenfolge der Fällung einen Einfluß hat*
* (sobald man keinen Effekt bei etwas nachweist, wo Anhänger Zeit, Geld und Emotionen investiert haben, kommen diese meistens mit Post-Hoc-Hypothesen an à la: "Als die Bäume beim Vollmond gefällt wurden, haben die hinterbliebenen Bäume geweint - das hat dazu geführt, das kein Unterschied vorliegt.")
Am besten schnappt man sich vor der Untersuchung einen Mond-Schnitter-Anhänger und quetscht ihn aus, woran es liegen könnte, wenn man keinen Effekt findet und was er als Beleg akzeptieren würde (w'lich fällt ihm nach der Studie was ein, das er "vergessen" hatte, aber man hat es wenigstens versucht).
Eine statische Untersuchung in Form eines Gruppenvergleichs kann bei diesem Design zeigen:
- ob die Untersuchung ok ist (sollte statistisch gesehen kein Unterschied zwischen den am gleichen Mondstand gefällten Bäumen geben)
- ob der Mond einen Einfluss hat (dann müßte ein Unterschied zwischen den Vollmond vs. Neumond-Bäumen da sein).
[/list=1]
Da Gruppenvergleiche vorgenommen werden und nach der Klassichen Testtheorie sich die Fehlerwerte bei genügend Messungen selber eliminieren, dürften zufällige Variationen im Holz irrelevant sein und nur der "Mondeinfluß" eine Rolle spielen - oder eben nicht.
Einige Wörter noch zur Statistik:
Bitte keine Kommentare à la: "Torture numbers and they confess anything.", "There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics." (Benjamin Disraeli) oder "Ich traue nur der Statistik, die sich selbst gefälscht habe."
Das hier geschilderte Vorgehen ist probabilistisch, es kann durchaus passieren, daß ein Effekt gefunden wird, in Wirklichkeit aber keiner vorliegt, ebenso das keiner gefunden wird, aber in Wirklichkeit einer existiert. Aus diesem Grunde gibt es in der empirischen Wissenschaft Replikationen von Studien - diese Fehler sind sehr selten (je nach Art der Testung meist zwischen 5% und 1%), d.h. mit genügend Replikationen und einer Metaanalyse sollte sich zeigen, ob es an einem zufälligen Studienergebnis liegt oder ob wirklich ein Effekt vorliegt (z.B. könnte es sein, daß die zufällige Auswahl der Bäume in der obigen Studie leider identisch mit einer Auswahl von gesunden vs. kranken Bäumen war).
Desweiteren kann man zwar mit Statistik Mißbrauch betreiben, aber zumindest bei kompetenten und (test-)fairen Wissenschaftlern sollte die Überprüfung o.k. sein. Statistik wird meist dann in dieser Form kritisiert, wenn man mit dem Ergebnis der Studie nicht einverstanden ist, was ein menschliches Problem ist, und kein statistisches (nicht alles was mit Mathe zu tun hat ist böse).
Was die subjektive Wahrnehmung vom "Mondeinfluß" betrifft:
- Kategoriefehler und Selektive Wahrnehmung sollten viel erklären ("das Baby hat nicht wirklich soooo laut geschriehen, das tut es nur bei Vollmond"; "heute ist zwar Vollmond, aber es hat die Kuscheldecke, die kompensiert"; "ah, das Baby schreit und ich hab heute im Fahrstuhl noch gehört, daß heute Vollmond ist").
- Selffulfilling Prophecy wurde auch schon genannt (schlecht geschlafen => Erklärung suchen => Vollmond ("das paßt") => subjektive Kontrollillusion, "weiß" jetzt woran es liegt)
- Lichteffekt: Glühbirne wesentlich heller; Wirkung des Mondlichtes ist vergleichbar mit der Wirkung einer zusätzlichen Kerze: hat man nur eine Kerze an oder gar keine wirkt es sehr viel heller; hat man 80 Kerzen an, ist eine zusätzliche Kerze vernachlässigbar
- und generell: Einzelfälle beweisen leider nichts
(siehe dazu auch die Leseprobe:
"Wenn also einzelne Menschen - ohne das sie es wüßten - über einige Zeit hinweg bei Vollmond bestimmte Besonderheiten zeigten, ließe sich damit ein Einfluß des Mondes nachweisen?
Nein. Denn es gibt immer eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß es zufällige Übereinstimmungen gibt, daß also ein Mensch zufällig über einen gewissen Zeitraum hinweg Besonderheiten in Übereinstimmung mit dem Mondzyklus zeigt. Daher kommt auch der provokative Satz: 'Einzelfälle beweisen nichts'")
Aus diesem Grund gibt es statistische Untersuchungen um sich gegen diese Zufälle abzusichern.
Ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Es gibt Spontanremissionen von Krankheiten. Wenn jemand ein Anhänger von Eigenurin ist, wird er die Remission w'lich auf seine "Heilungsmethode" schieben. Das es nur ein Zufall war wird w'lich hier kaum jemand bestreiten. Der Mond ist nicht ganz so ekelig, aber soo groß und hell, also ist es eher akzeptabel da einen Einfluss zu vermuten. Und für irgendwas muß er ja da sein ...
Naives Weltbild
Obwohl Longbow_Alex die physikalischen Grundlagen erwähnt hat wird es trotzdem gerne verkehrt herum gesehen: Mond hat einen großen Einfluß auf die Weltmeere, deswegen wird ein großer Einfluß auf den Menschen vermutet - nope, auch hier ist die Größe entscheidend - und zwar bei beiden, vergleiche dazu Leseprobe:
"Die Gezeiten sind im Atlantik am stärksten, im Mittelmeer ziemlich schwach, im Bodensee praktisch nicht meßbar und in meiner Badewanne gibt es sie überhaupt nicht.
Zudem ist das Wasser im menschlichen Körper nur innerhalb der Zellen, im Blutkreislauf und zwischen den Körpergeweben frei beweglich.
Die Gezeiten wirken nicht nur auf das Wasser, sondern jedes Material, das Masse besitzt. Nur das Wasser ist leicht verformbar, Steine nicht ganz so leicht.
Die Gravitationswirkung des Mondes auf den Menschen ist geringer als die Gravitation einer Stubenfliege, die auf ihm sitzt.
Der Mond als Masse ist immer gleich. Ob Vollmond oder Neumond, die Gravitationswirkung des Mondes ist davon unabhängig (und ändert sich nicht mit den Mondphasen)."
Vielleicht als Analogie (die Wirkung funktioniert anders, es ist nur eine Vorstellungshilfe):
- Mond als Magnet vorstellen, Objekt auf der Erde ebenfalls als Magnet - Masse des Objektes ist die Stärke des Magnetes: bei Weltmeeren sehr groß => sehr große Wirkung
- Mensch sehr klein => schwache Wirkung
Die Vorstellung die sich in den Köpfen festgesetzt hat ist w'lich eher so was wie: Mond = Magnet, Objekt auf der Erde ist ein Stück Eisen - sorry, aber läuft so nicht.
Ein letzter Punkt:
Angenommen man vergleicht gekauftes "Mondholz" mit "normalem" Holz und findet heraus, das "Mondholz" besser ist, könnte dies auch am Marketing liegen. Hat man als Händler qualitativ hochwertiges Holz und schlechteres Holz, kann man normale Güteklassen aufmachen, oder aber man verkauft das gute Holz als "Mondholz" und das schlechte als normales Holz.
Bei der zweiten Art von "Güteklassen" ist die Gewinnspanne w'lich wesentlich höher und das Phänomen durch und durch irdisch.
Das waren meine paar Cent dazu.
Ich hoffe, ihr habt letzte Nacht gut geschlafen, falls:
ja: ist keine Erklärung nötig und der Mondstand der letzten Tage wurde w'lich ignoriert
nein: es war zwar nicht Vollmond (der war am 2.07.), aber
kurz nach Vollmond, also lag es w'lich
doch am Mond, diesmal war die Wirkung w'lich nur verzögert ... ;-)
Bis dann,
Linksschuss_Daniel
Noch ein Nachtrag zum Posting:
Die Untersuchungsanordnung oben schließt natürlich ein, daß sonst alles gleich ist. Also nicht einmal
Bruno Baumsprecher, der die Bäume beruhigt und sie sanft zu Fall bringt, und das nächste Mal
Igor die russische Kettensäge, weil Bruno das Fällen empathisch voll mitbekommen hat und jetzt schmollend auf seinem Stumpf liegt. Untersucht werden soll nur "der Mondeinfluß", sonst nichts (ok, Fällreihenfolge wird miterhoben).
Auch sollte man einen Zeitpunkt aussuchen, in dem das Wetter einigermaßen stabil ist, z.B. wäre es 'bedenklich', wenn nach dem ersten Fällen plötzlich der Frühling ausbricht oder ein Sturm die halbe Schule ummäht.
So eine Studie zu planen und durchzuführen ist nicht einfach, aber durchaus im Bereich des Möglichen. Auf der anderen Seite muß natürlich das Interesse da sein und die Kosten getragen werden ... wobei die Ergebnisse natürlich keinen Hardcore-Gläubigen überzeugen werden. Dafür wurde zu viel investiert - kaum jemand sagt dann "Oh, da hab ich mich geirrt und zig-Euro kompostiert, danke für die Info." sondern meist wird es auf andere Faktoren geschoben. Es kann ja immer noch an was anderem gelegen haben, wie "Venus die den Mondeinfluss zu diesem Zeitpunkt kompensiert hat" oder "der Skeptiker hat die Bäume massiv verunsichert" oder weiß-der-Geier-was).
Linksschuss_Daniel
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