Hallo erstmal,
also ich antworte mal mit meinen bescheidenen Erfahrungen, die sich aus Besuchen in Osttibet, also den heutigen Provinzen Gansu, z. T. Qinghai sowie Teilen Sichuans speisen. Dieses Gebiet gehörte früher (also vor der Neuaufteilung der Provinzen der VR China) zu dem, was man als tibetisches Reich bezeichnete, obgleich es durch einen westlichen gebirgswall vom eigentlichen hochplateau Tibets getrennt ist, die Ethnien sich auch ähneln - und es dennoch zwischen den hiesigen tibet. Völkerschaften und denen des Hochplateaus oft Spannungen gab. Die Bezeichnung "tibetisch" ist daher hier relativ zu sehen.
Das Photo von Benzi stammt i. ü. aus Yuebeng, somit auch aus einem Dorf "Osttibets" und nicht des tibet. Hochplateaus.
Ich antworte auch auf die Gefahr hin, dass Benzi mir wegen zu weit abweichenden Schreibens vom Thema Bogen über 400 km mit seinem Yumi den Kopf wegschießt....
Ich gebe hinsichtlich meiner Ausführungen vorweg auch zu, dass ich kein Tibetfanatiker und erst recht kein Befürworter aller tibetischen Ansichten und Haltungen sowie Lebensweise im polit. Streit mit China bin, eher umgedreht. Aber ich habe eben auch was gegen offizielle Verfremdung einer Kultur....(gab mal 40 Jahre lang einen Staat auf dt. Boden, der postulierte fortlaufend, wie gut er die Sorben als slawische Minderheit integrierte... nur haben die davon selbst herzlich wenig mitbekommen ....

):
Also:
Die Kleidung in den betreffenden Regionen besteht zum Teil schon aus den Bestandteilen, die im Clip gezeigt werden, nur meist nicht in dieser Zusammensetzung und ist meist auch nicht derart strahlend sauber. Meist eher etwas schnuddelig. So wird sie, reich vermischt mit einigen Kleidungsstücken der Neuzeit, die praktisch erscheinen, auch im Alltag getragen. Das ändert sich auch an den Festen nicht großartig.
Gänzlich auf westliche Kleidung steht ggf. die Jugend, diese aber auch nur zum Teil.
Eine starke Assimilation an westliche Kleidung wird abgelehnt.
Das betrifft insbesondere Kleidungsstücke oder "Kostümierungen", in denen, selbst wenn es denn Einheimische sein sollten, die sich dahingehend angebiedert haben, offizielle Personen, insbesondere Parteifunktionäre oder "Kulturbeauftragte" in China in der Regel zu erkennen sind. Dazu gehören besonders weißes Hemd und Schlips - Kleidung die man in China oder Tibet unter trad. Aspekten gar nicht kannte, weder im Regierungsbetrieb, noch in der Geschäftswelt.
Daher drängt sich der Verdacht der Inszenierung der Clips aufgrund der Schlipsträger geradezu auf, auch wenn man ihnen vielleicht einen trad. Umhang beigegeben hat.
Bei Festen wird i. ü. das Abfilmen von Riten etc. nicht gern gesehen... nur das mal zu Clip selbst,
Um meine dahingehenden Ausführungen zu untermalen hier zwei Links auf Reiseberichte, in denen ich unter anderem auf die besagten Regionen versucht habe einzugehen und auch versucht habe, alles möglichst reich zu bebildern. Den nicht interessierenden Rest der Berichte kann man sich ja knicken - und mir ggf. eeine Selbstdarstellung verzeihen.
www.shaolin-wushu.de Unterrubrik Reiseberichte, Autor R. LEitloff, Bericht 2007.
http://www.trip-to-china.com/reiseberic ... ph2009.pdf (betrifft 2009)
Hinzu kommt die Frage nach der gepflegten Tradition des Bogenschießens:
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eine solche nicht mehr gibt.
(Andre/Penumbra hat ja wohl anderes gesehen, aber vielleicht erhellt sein für die nächste TB angekündigter Bericht etwas mehr (Bin gespannt auch auf die betroffene Region Tibets, über die berichtet werden soll).
Ich jedenfalls habe nur den Eindruck gewonnen, dass die Bögen entweder, um den Dachboden leer zu machen an den nächsten örtl. Antiquitätenhändler verscherbelt werden, in desse Laden sie dann ebenso versauern, obgleich sie, wie ich selbst ausprobieren konnte (Ergebnis war leider nicht so toll) , selbst noch schießen. Oder sie verstauben eben auf dem Dachboden und werden vielleicht immer mal, ggf. bei Initiationsriten hervorgeholt (letztere gibt es aber heute angesichts des Absterbens der entsprechenden Lebensweise fast nicht mehr). Von Bogensport oder Pflege der dahingehenden Tradition habe ich leider nichts gesehehn (nur ein oder 2 Photos beweisen mir nicht das Gegenteil).
Man muß auch bedenken, dass es für die Menschen dort keine besondere Veranlassung gibt, sich weiter damit zu beschäftigen - wie etwa wir hier, die wir im Luxus leben und nichts anderes zu tun haben, als uns eine (teilweise recht kostspielige) Freizeitbeschäftigung zu suchen:
Man sieht dort alles, auch das Historische, etwas pragmatisch - gelassener. Man hätte also nicht die Scheu vor dem Gebrauch eines historischen Bogens oder etwa eines der typischen Massenshinguntos aus der Zeit des sino-jap. Krieges (die leigen da auch massenweise rum), wie etwa wir, wenn wir einen hist. Säbel auf dem Dachboden finden würden (den wir sonstwie konservieren würden...). Aber man gebraucht ihn deswegen nicht mehr, weil es zum zeckentsprechenden Einsatz Neueres und Besseres gibt.
Und da kommen wir zum nächsten: Einen neuen Bogen gebraucht man deswegen nicht mehr, weil der eigentliche Gebrauchszweck - Krieg oder Jagd - entweder entfallen ist oder es dafür noch etwas besseres gibt - nämlich Gewehre für die Jagd.
Was bleibt ist dann noch folgende Merkwürdigkeit:
Die Leute dort sind nicht unbedingt reich, um es vorsichtig auszudrücken. Manche erwerben ihr täglich Brot mit Pilz- und Holzsammeln (auf die ökon./polit. Ursachen gehe ich mal lieber nicht ein). Und trotz allen Talentes zum Abkupfern von div. Dingen hat eben auch ein moderner Blankbogen in China einen nicht unerheblichen Preis. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Tibeter sich einfach mal so, aus Jux und Dollerei so einen Bogen anschaffen würde, wenn er die Wahl hätte, damit entweder Freudenfeste fürs TV vorzugaukeln und zu verhungern oder ohne ein solches Objekt weiterzuexistieren, welches er verstaubt ohnehin noch auf dem Dachboden hätte.
Das was corto vom Hans sagt, denke ich, kann man da auch schon in gewisser Weise unterschreiben.
Ralph