Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

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the_Toaster (✝)
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von the_Toaster (✝) » 26.03.2010, 23:35

Genau.
Es geht um Kontrolle.
Das ist ein Punkt, der mir in einem gewissen Rahmen recht wichtig ist.
Dazu muss man zunächst einmal fähig sein die Kontrolle über eine Sache so weit wie möglich zu erlangen.
Das geht nur mit üben üben üben.
Wenn ich dann in einer Sache eine gewisse Meisterschaft erlangt habe, kann ich auch Fehler zulassen.
Denn im Endeffekt sind das ja dann keine "Fehler" sondern perfekt eingefügte - ja was eigentlich?
Es ist nicht "perfekt" aber auch kein "Fehler". Was ist es dann?
Kunst?

Ich denke es ist Natur.
Denn Natur ist perfekt, aber gleichzeitig voller Fehler. Und selbst die Fehler sind perfekt.
Es hat keinen Sinn zu versuchen einen Sinn im Versuchen des Menschen zu erkennen.

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Markus
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Markus » 27.03.2010, 07:18

Die (sinngemäße) Aussage von himself, dass  Lernen in Japan zuerst ein Schauen, Kopieren und Überdenken und es erst danach evtl. zu einer Verbesserung kommt, kann ich mit meinen wenigen Erfahrungen, was Japan angeht, bestätigen.
Mir ist mehr schicksalshaft als gewollt die Rolle eines Kyudotrainers zugefallen und ich habe das Vergnügen, derzeit gleich 2 Japaner in "meiner" kleinen Anfängergruppe trainieren zu dürfen.
Vorab - diese beiden Japaner sind nicht besser und nicht schlechter, haben Kyudo genausowenig im Blut, wie wir und brauchen ebensoviel Aufmerksamkeit, wie jeder andere.
Aber - diese beiden Japaner unterscheidet von den restlichen Schützen, dass sie eine Aufgabenstellung erstmal kommentarlos annehmen, sie durchführen, üben, bearbeiten. Erst hinterher kommen Fragen zu "wie mache ich dies, das oder jenes". Ob die Aufgabe, die ich erteilt habe, richtig ist, wird (zumindest vor mir) nicht erörtert.
Anders die deutschen Schüler. Auch hier wird zunächst gemacht, was ich sage, aber im gleichen Atemzug wird auch was anderes beachtet, wird das System gedanklich zerpflückt, wird das Augenmerk manchmal nicht auf die gestellte Aufgabe, sondern auf einen anderen Punkt gelenkt etc. Es wird hinterfragt und manchmal/oft kommt man zu einem Schluss, dass "Ich habe mein Problem hier oder kann nicht wegen da .... und eigentlich müsste ICH das jetzt am besten so machen" und erörtert das Ganze dann mit mir.
Es wird - ganz sicher nicht in böser Absicht - dem Lehrer gesagt, wie und was er zu unterrichten hat. Und genau diese Einstellung finde ich für einen Anfänger als verheerend.

Der Lehrer, egal wie gut er ist, hat sich nun mal der Aufgabe angenommen, dem Schüler etwas zu vermitteln und daher sehe ich es als gegeben an, dass der Schüler dies ZUNÄCHST kommentarlos hinnimmt, denn der Lehrer weiß üblicherweise, von was er spricht. Im fortgeschrittenen Stadium ist es selbstverständlich sinnig, angebracht und auch gefordert, sich mit dem Gelehrten auseinanderzusetzen und es später vielleicht als für einen selbst unsinnig abzulehnen. Aber dies zu tun, ohne die Materie wenigstens in Ansätzen durchdrungen zu haben, finde ich nicht gut.

Viele hier sind auf ihrem Individualistentrip und nur was ich sage, ist gut. Was der andere von sich gibt, muss grundsätzlich hinterfragt werden und ist vmtl. zumindest in Ansätzen falsch. Dies geht mir zunehmend auf den Keks (selbst wenn ich beruflich solch ein Wesen gerade leben muss ..)

Was ich am Ende dieses Beitrages sagen möchte - es würde fast allen von uns gut tun, sich etwas Neuem einfach völlig unvoreingenommen zu stellen, es 1:1 zu übernehmen und es erst hinterher, nach einem ansatzweisen Verstehen, zu hinterfragen.
Fragt und redet nicht so viel, beobachtet lieber, lernt durch zuschauen, denkt Euch Euren Teil und stellt dann die richtigen Fragen!

Auch ich übe mich darin ....
Diese Art des Lehren und Lernens fördert vermutlich nicht schnelle und rabiate Änderungen im System. Aber nur so kann man meines Erachtens ein Handwerk/Tradition lehren.

Um wieder auf Japan zurückzukommen - meine wenigen Erfahrungen zeigen mir, dass dieses von mir gewünschte Lernen gerade in Japan noch viel häufiger anzutreffen ist und die wenigen Japaner hier in D, die ich kenne und die nicht bereits sei > 10 Jahren im Westen leben, dies auch nach wie vor so praktizieren. Und der direkte Vergleich zwischen "meinen" Schülern zeigt, dass die Japaner zu Beginn schnellere Fortschritte machen, als die deutschen Schüler. Irgendwann wird sich das ausgleichen, aber zu Beginn ist der Unterschied deutlich.

Natürlich sehe ich auch die Gefahr der hirnlosen Kopie und der damit verbundenen Verführbarkeit zum Schlechten etc. Dennoch gehe ich vom idealen Fall aus, dass Lehrer und Schüler uneigennützig für alle das Beste wollen.
Arroganz ist der Tod der Kunst.

himself

Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von himself » 27.03.2010, 07:45

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von the_Toaster (✝) » 27.03.2010, 09:26

Schade, dass für so eine Vorgehensweise kaum noch Zeit bleibt.
Man muss sich diese Zeit ganz bewußt nehmen. Allerdings beobachte ich, dass die wenigsten überhaupt noch dazu fähig sind. Für diese Leute gibt es zwischen Arbeit und Erschöpfung keinen Zwischenzustand.
Das Schlimme ist, dass selbst viele Kinder diesen Zustand schon kennen, weil ihre Eltern Angst um ihre Zukunft haben.
Das Erstaunliche ist, dass sich dann TROTZDEM eine gewisse Individualität entwickeln kann. Meistens entsteht sie, wenn die Kinder pubertieren und sich im Zuge dessen ihr Horizont erweitert. Dann fangen sie an alles und jeden zu hinterfragen. Leider bekommen sie dann nur sehr wenige zufriedenstellende Antworten. Nicht weil es keine Antworten gäbe, sondern weil es zum einen zu viele Antworten zu geben scheint und viele Erwachsene die Antworten selbst nicht gefunden haben.
Dabei geht es dann sehr viel weniger um Fragen, "Wie mache ich das?" oder "Wie geht das?", sondern eher um Fragen wie "Welchen Platz habe ich?" oder "Wer bist Du überhaupt, dass Du meinst mir sagen zu können was ich machen soll?"
Wenn dann also ein Schüler hinterfragt, warum er jetzt den Bogen so und so halten soll und den Pfeil so und nicht anders in die Hand nimmt, dann hinterfragt der Schüler nicht die Technik des Bogenschießens, sondern den Lehrer und welchen Status Lehrer und Schüler zueinander haben.
Ein guter Lehrer ist dann einer, der diese Fragen für sich bereits beantwortet hat und sich seiner Sache daher sicher ist und diese Sicherheit auch ausstrahlen kann. Dieser Lehrer kann die Fragen dann auch zulassen, sich positiv mit ihnen auseinander setzen und dem Schüler Antworten geben, die dieser dann als gegeben hinnehmen kann, weil sie Sicherheit bieten und eben KEINEN Druck erzeugen.
Es hat keinen Sinn zu versuchen einen Sinn im Versuchen des Menschen zu erkennen.

Es ist traurig zu glauben, dass der Mensch stets schlecht sei.

himself

Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von himself » 27.03.2010, 11:50

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von benzi » 26.04.2010, 16:33

das Thema ist so spannend, ich versuch mal es fortzuführen..... den folgenden Text habe ich schon vor einiger Zeit als Antwort für diesen thread formuliert:

zunächst mal möchte ich sagen, dass ich diese Diskussion als sehr angenehm und konstruktiv empfinde.

ich möchte den Inhalt in drei Begriffe unterteilen:

1. lernen
2. üben
3. Perfektion als Ziel

Zum Lernen wurde schon vieles gesagt was ich auch so sehe. Ich kenne beide Rollen, die des Lehrers beim Bogenschiessen und die des Schülers beim Reiten. Wenn ich mich als Schüler betrachte, dann kommt mein Hinterfragen aus der Ursachen heraus, dass ich verstehen möchte WARUM etwas wie ist. Mir es nicht ausreicht es zu tun und das Ergebnis zu betrachten, sondern ich möchte möglichst VORHER wissen WARUM ich etwas so oder so machen soll. Aus der Sicht des Lehrers nervt diese Frage eigentlich nur dann, wenn darauf 1. keine Antwort habe und 2. das nicht zugeben kann. Andersrum bedeutet dass, dass ich wissen sollte warum etwas wie ist und wenn ich es nicht weiß, die Größe habe, dieses auch zugestehen zu können.

Ich möchte noch etwas ergänzen aus der Sicht des Lehrers: viele Schüler wollen klare Anweisungen, nach dem Motto so ist es richtig und so ist falsch. Wenn ich als Lehrer sage, aber es gibt verschiedene Wege ans Ziel, dann können sie damit oft nichts anfangen.

soweit mal zu zum ersten Unterpunkt "lernen"

lG benzi
"Du hast den Verstand verloren, weißt Du das?" "Dafür hab ich ein Leben lang üben müssen"
(Peaceful Warrior, Film)

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Galighenna » 26.04.2010, 20:15

Das ist ja spannend hier.
Ich möchte darum auch noch kurz etwas dazu sagen.
Ich denke, es gibt da zwei verschiedene Wege des Lernens. Beide haben ihre Berechtigung praktiziert zu werden.

Der eine Weg ist so wie es in Asien, besonders in Japan lange Zeit Tradition war und auch noch ist. Lernen durch abgucken, kopieren, nachmachen. Dann so lange üben bis man das perfekt kann. Nach der Perfektion kommt eine evtl nötige Anpassung an neue Gegebenheiten/Vorlieben... (ich hoffe das trifft es so einigermaßen, ich kenne mich mit Asien nicht all zu gut aus)

Der zweite Weg ist der des Lernens durch eigene Erfahrungen und Konversation mit dem Lehrer. So wird es in westlichen Gefilden oftmals gemacht.

Beide haben Vor- und Nachteile.
Der erste Weg bewahrt eine Tradition, die alt hergebrachtes funktionierendes Wissen auf sichere Weise an die nächste Generation überträgt und so langfristig für ausserordentlich perfekte Ergebnisse sorgt. Das ist ein Vorteil. Jede Generation trägt NACH dem lernprozess durch kleine Veränderungen zur langsamen Perfektionierung bei.

Der zweite Weg geht dem genau entgegengesetzt. Wenn ich einem Schüler eine Aufgabe stelle und er hinterfragt die Mechanismen die dahinter stehen sorgt das dafür das schneller Innovationen geschaffen werden, weil auch manchmal Schüler (allerdings nur die fortgeschrittenen) neue und auch gute Ideen haben. Dadurch bleibt auf der anderen Seite jedoch die Tradition auf der Strecke. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt nicht in der Perfektion sondern in der schnellen "Erzeugung" von neuen Vorgehensweisen/Wissen.
Das wird allein schon durch unsere Marktwirtschaft oftmals vorausgesetzt, denn die ist auf Innovation und Fortschritt angewiesen. Tradition hat hier keinen Stellenwert.

Die Schwierigkeit die sich hieraus ergibt ist, dass der Lehrer sich permanent der Kritik der Schüler ausgesetzt sieht. Gelernt wird hier nur, wenn ein bewusster Dialog zwischen Lehrer und Schüler entsteht, der auf dem ernsthaften Interesse an der Sache beruht, mit dem Ziel die Sache zu verstehen und voranzubringen.
In dem Sinne ist es schwierig wenn eine der beiden Seiten dieser Aufgabe nicht gewachsen ist.
Der Lehrer muss dabei den Dialog mit den Schülern zulassen und selbst neue Erkenntnisse daraus gewinnen wollen. Gleichzeitig muss er Wissen und Selbstvertrauen genug haben, seine Lehre verteidigen zu können, oder eine Wissenslücke zuzugeben.
Das ist für einen Lehrer eine verdammt große und schwere Aufgabe.

Auf der anderen Seite steht der Schüler der auch dazu bereit sein muss die Dinge zu hinterfragen und sie verstehen zu wollen. Der den Dialog mit dem Lehrer nicht dazu nutzt dessen Wissen/Authorität/Stellung als Lehrer in Frage zu stellen sondern zum lernen. Auch das ist eine schwierige Aufgabe, weil es auch hierbei darauf an kommt die richtigen Fragen zu stellen. Oder fragen so zu stellen das sie zu einer Diskussion führen und nicht zu einer "Erniedrigung" des Lehrers.

Also zusammengefasst führt der asiatische Weg zu Tradition, Perfektion und langsamer Anpassung, und belastet den Lehrer nicht mit der Rechtfertigung seiner Lehre
Der westliche Weg führt zu Innovation, ständiger Veränderung und Vermehrung des Wissens. Hat aber den Nachteil das das Lernen und Lehren schwieriger ist.
Übel übel sprach der Dübel,
als er elegant und entspannt
in der harten Wand verschwand

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von the_Toaster (✝) » 26.04.2010, 20:52

Ich denke, dass die Hauptsache beim Lernen und Lehren auf welche Art auch immer, gegenseitiger Respekt ist.
Und da sollte der Lehrer mit anfangen.
Dann wird der Schüler (meistens) den Respekt zurückgeben.

Zum Lernen an sich möchte ich Konfuzius zitieren:

Erkläre es mir und ich vergesse.
Zeige es mir und ich behalte es.
Lass es mich selbst tun und ich verstehe.
Es hat keinen Sinn zu versuchen einen Sinn im Versuchen des Menschen zu erkennen.

Es ist traurig zu glauben, dass der Mensch stets schlecht sei.

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Heidjer » 27.04.2010, 03:17

Beim Lernen und auch beim Lehren kommt es auch auf die Motivation der Beteiligten an.
Will man lernen, nimmt man von seinen Lehrer vieles leichter an. Lehrt man es, weil man sich nur einen finanziellen Vorteil erhofft oder es lehren muß, so leiert man das Thema nur herunter und provoziert Opposition. ;)
Jeder Mensch, lernt, sein Leben lang, wenn er aufhört zu lernen, degeneriert er. :(
Tatsache ist auch, je mehr der Mensch lernt, desto skeptischer wird er und hinterfragt das Thema ........ auch provokant!
Es gibt auch hier im Westen, Wissen das der Schüler so akzeptieren muß, ob er es will oder nicht. Tut er es, ist alles gut. Tut er es nicht, muß der Lehrende es erkennen und dem entsprechend Reagieren.
Ich war vierzehn Jahre lang Fallschirmsprunglehrer und habe hunderten das Fallschirmspringen beigebracht und auch einigen davon abgeraten. Gerade in diesem schönen Hobby können Fehler fatale Auswirkungen haben, aber von den Schülern und Lehrern die ich Ausgebildet habe leben noch alle. ;) Klopf auf Holz.


Gruß Dirk
Zuletzt geändert von Heidjer am 27.04.2010, 03:21, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Pfeil, den Schaft gemacht aus der Pflanzen hölzern Teil, versehen mit eines Vogels Federn und einer Spitze, aus der Erde Mineral, wird von der Natur gern zurückgenommen.

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Yabusame » 27.04.2010, 14:39

In Bezug auf Kyudo ist so manches anders zu betrachten (auf Zitate habe ich bewusst verzichtet).

Die Motivation, mit der man (nicht nur) mit Kyudo beginnt, spielt sicher eine entscheidende Rolle.
Der Anfänger hat i.d.R. die Vorstellung sich auf einen Weg zu begeben, auf dem er die von Herrigel beschriebenen geistigen Früchte ernten kann - ca. 70% der dt. Kyudokas beginnen Kyudo vor diesem Hintergrund.
Landet so einer bei einer Heki- Gruppe, sieht er sich mit technischen Problemen konfrontiert, deren Sinn für den Intellekt  absolut nicht nachvollziehbar ist.  Fragt er nach dem Sinn dieser komplizierten Technik in Bezug auf die „geistigen“ Auswirkungen…………………- welche Antwort wird ihm gegeben?
An dieser Stelle kommt dann die Kompetenz des Lehrers ins Spiel, schafft er es die Zusammenhänge zw. Technik und „Geist“ zu klären und damit die Motivationshintergründe umzulenken - oder ist er nur ein Leerer, der bestenfalls motivieren kann und somit den Schüler in seine persönliche Abhängigkeit bringt.

Es ist nicht egal wie gut ein Lehrer ist, deshalb gibt es meines Wissens in Europa nur eine Person (in Italien), die von der Heki-Schule die Lehrberechtigung hat.

„Die besten Lehrer müssen zu den Anfängern“, eine Aussage von Inagaki Sensei.

Ich weiß, die Situation ist nun mal wie sie ist, irgendeiner muss die Übung leiten aber die Auswahl derer, denen man eine Anleitung offiziell anvertraut, kann nur von jemanden vorgenommen werden, der dazu befugt ist, das kann man beim Kyudo nicht durch ein abfragbares Lehrsystem ersetzen.

Ein Beispiel dafür, dass mehr als das vermitteln von Lehrinhalten gefordert ist:
Auf die Frage, was man tun kann, wenn ein Schüler trotz aller Hilfestellungen und ernsthaften Bemühungen beider Seiten nicht weiter kommt und leidet, hat ein japanischer Lehrer zur Verblüffung aller anwesenden Übungsleiter geantwortet:
„Dann muss der Lehrer mit dem Schüler mitleiden“.

Diese Antwort hat mich mehr als nur beeindruckt, wäre das ein Muss für jeden Lehrer - oh glückliche Schüler.

Man kann hoffentlich daran ersehen, dass die allg. üblichen intellektuellen Lehr- und Lernweisen nicht mehr greifen bzw. untauglich sind, wenn es um mehr geht, als sich Wissen und Fertigkeiten anzueignen.
Kyudo ist und bleibt ein Weg, der den Übenden an seine persönliche Grenze führt - den Kimono-, Graduierungs- und Erfolgs-Rastplätze, die da am Wegesrand das Ego auflauern zu trotzen, gehört ebenso dazu, wie eine ganz andere, viel tiefer gehenden Lehr- und Lernweise zu begreifen (verstehen kann man sie nicht wirklich).

Grüße
Yabusame
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von benzi » 27.04.2010, 15:25

Ich weiß es immer doof, aus so einem langen und interessanten Beitrag ein kurzes Zitat rauszunehmen, aber der Yumi schreit und will bewegt (gedreht) werden.....  ;)

Yabusame hat geschrieben:...An dieser Stelle kommt dann die Kompetenz des Lehrers ins Spiel, schafft er es die Zusammenhänge zw. Technik und „Geist“ zu klären .....



ich glaube das ist der Knackpunkt, (nebenbei bemerkt auch der Knackpunkt der Konflikte hier)

Ich vertrete an dieser Stelle als Lehrer UND Schüler die Meinung, dass ich das garnicht möchte, das es auch garnicht geht, das es auch nicht sinnvoll wäre. Die Übung, in diesem Falle das Schiessen, kann eine Auswirkung auf den Geist haben, das zu erklären, oder danach zu fragen, macht aus meiner Sicht keinen Sinn.

Ich vertrete diese Meinung noch nicht lange, erst seit kurzem ist mir klar geworden, dass reden über die verändernde Wirkung, egal welcher Übung (Reiten, Meditieren, Bogenschiesen) keinen Sinn macht. Der Übende wird die Veränderung spüren, wenn er übt, oder auch nicht.......

Meine Fragen nach dem "warum" beziehen sich ausschliesslich auf technische Details, denn es gibt auf die technischen Fragen auch technische Antworten, geistig philosophische Fragen und Antworten sind nicht erfoderlich um die Technik zu lehren oder zu lernen... meine Meinung, weiter nüx...

Grüße benzi
Zuletzt geändert von benzi am 27.04.2010, 16:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Yabusame » 27.04.2010, 18:24

benzi hat geschrieben:Ich weiß es immer doof, aus so einem langen und interessanten Beitrag ein kurzes Zitat rauszunehmen, aber der Yumi schreit und will bewegt (gedreht) werden.....  ;)

Yabusame hat geschrieben:...An dieser Stelle kommt dann die Kompetenz des Lehrers ins Spiel, schafft er es die Zusammenhänge zw. Technik und „Geist“ zu klären .....



ich glaube das ist der Knackpunkt, (nebenbei bemerkt auch der Knackpunkt der Konflikte hier)

Ich vertrete an dieser Stelle als Lehrer UND Schüler die Meinung, dass ich das garnicht möchte, das es auch garnicht geht, das es auch nicht sinnvoll wäre. Die Übung, in diesem Falle das Schiessen, kann eine Auswirkung auf den Geist haben, das zu erklären, oder danach zu fragen, macht aus meiner Sicht keinen Sinn.

Ich vertrete diese Meinung noch nicht lange, erst seit kurzem ist mir klar geworden, dass reden über die verändernde Wirkung, egal welcher Übung (Reiten, Meditieren, Bogenschiesen) keinen Sinn macht. Der Übende wird die Veränderung spüren, wenn er übt, oder auch nicht.......

Meine Fragen nach dem "warum" beziehen sich ausschliesslich auf technische Details, denn es gibt auf die technischen Fragen auch technische Antworten, geistig philosophische Fragen und Antworten sind nicht erfoderlich um die Technik zu lehren oder zu lernen... meine Meinung, weiter nüx...

Grüße benzi


Ich hatte ganz bewußt klären statt erklären gewählt, klären kann hier sowohl erklären als auch erkennen bedeuten - dem Lehrer muss klar sein, was los ist.
Wenn ein Lehrer z.B. den Eindruck hat, der Schüler will sich durch Kyudo lediglich interessant machen, wird er ihm u.U. forciert die Technik abverlangen um ihn wieder mit beiden Beinen auf die Erde zu stellen, ohne Erklärungen.

Irgendwann wird sich die Frage nach dem Sinn und den Auswirkungen der Technik stellen, dann muss sie auch beantwortet werden, sonst hält der Schüler nicht durch. Wir sprechen im Kyudo ja nicht von Jahren, wir sprechen von Jahrzehnten der Übung.
Die Heki-Technik durchzuführen zu können bedeutet mehr zu investieren als techn.Geschicklichkeit, weshalb diese Technik nicht nur techn. zu klären ist.
Die Beantwortung muss nicht verbal erfolgen, was auch selten sinnvoll ist, man kann als Lehrer aber dazu beitragen, dass der Schüler es selbst erfährt.

Im Prinzip sind wir uns aber ziemlich einig ;)

Grüße
Yabusame
Die Kompromisse von heute sind die Probleme von morgen

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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Yabusame » 28.04.2010, 12:40

Als Nachtrag eine Warnung an die Nur-Technik-Interessierten, bevor es zu spät ist und sie sich im Schlamassel befinden:

Die physikalische Auswirkung eines jeden Details der Heki-Kyudo-Technik ist erklärbar, dabei kann man es natürlich bewenden lassen, das ist eine vorteilhafte Einstellung, weil philosophische Vorstellungen/Erwartungen eine Flucht sein können und zu oft auch sind.

Trotzdem: Auch wenn man nur technisch interessiert ist, kommt man im Laufe der Jahre an Punkte, wo man zwangsläufig psychische und mentale Auswirkungen dieser Technik erfährt. So kann ein Schütze bei entsprechender Übungsintensität und Zeit plötzlich das Problem haben, dass er nicht mehr abschießen kann, ein Problem, mit dem er u.U. Jahre beschäftigt ist.
Wenn er das Problem überwunden hat, wird er sich fühlen wie ein Kücken, das sich durch die Eierschale gepickt hat - bis zur nächsten Krise, bei der die Eierschale dicker ist.

Die Krisen kommen, die Technik führt unausweichlich an sie heran, dann ist man wieder wie ein Anfänger und muss neu aufzubauen. 

Deshalb: Der, der behauptet sich „nur“ auf die Technik zu beschränken sei gewarnt, er kann sich auf einem ehrlicheren Weg befinden, als ein mit Graduierungen, Erfolgen und Kimono beladener „Taihai-Kyudoka“, weshalb er höhere Hürden zu überspringen hat - dafür kann er aber auch den Weg weiter und intensiver gehen.
Jedoch: Ohne eine zumindest anfängliche Lehrer-Unterstützung kommt man nicht weit. 

Und weil es hier auch noch rein passt: Inagaki-Sensei hat eine unerläßliche Eigenschaft für einen Kyudo-Lehrer genannt: Gewitztheit  - dazu braucht man den nötigen Humor - kann man aber nicht lernen, hat man oder hat man nicht. ;D

Grüße
Yabusame
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von benzi » 28.04.2010, 14:01

Yabusame hat geschrieben:
Wenn ein Lehrer z.B. den Eindruck hat, der Schüler will sich durch Kyudo lediglich interessant machen, wird er ihm u.U. forciert die Technik abverlangen um ihn wieder mit beiden Beinen auf die Erde zu stellen, ohne Erklärungen.



ich bin der Meinung der Bogen ganz allein stellt diesen Schüler "mit beiden Beinen auf die Erde"......

Yabusame hat geschrieben:

Die Krisen kommen, die Technik führt unausweichlich an sie heran, dann ist man wieder wie ein Anfänger und muss neu aufzubauen. 



meiner Meinung nach führt nicht die Technik an die Krisen, eine Technik allein sollte ja immer besser umgesetzt werden können je länger man übt, ich bin der Ansicht Dinge wie Ehrgeiz, Überheblichkeit, Leichtsinn, Unkonzentriertheit, Verkrampftheit, Verbissenheit.... führen den Übenden an Krisen......

liebe Grüße benzi
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Re: Traditionelles Handwerk in Japan, war: Bambuspfeile

Beitrag von Yabusame » 28.04.2010, 21:47

ich bin der Meinung der Bogen ganz allein stellt diesen Schüler "mit beiden Beinen auf die Erde"......


Man muss sich von außen beurteilen lassen, die eigenen Fehler und Schwächen umfassend wahrzunehmen ist zumindest in den ersten 10-15 Jahren nicht möglich.

meiner Meinung nach führt nicht die Technik an die Krisen, eine Technik allein sollte ja immer besser umgesetzt werden können je länger man übt, ich bin der Ansicht Dinge wie Ehrgeiz, Überheblichkeit, Leichtsinn, Unkonzentriertheit, Verkrampftheit, Verbissenheit.... führen den Übenden an Krisen.


Jetzt wird es schwierig und ohne ausreichende Übung wohl nicht verstehbar.  Je länger man übt und je weiter man auf dem Weg ist, umso schwieriger wird es die Technik umzusetzen. Man kann es evtl. so verstehen, dass die Technik zunächst grobmotorisch ist und dann immer effizienter aber eben auch schwieriger wird.
Deshalb ist es auch fast normal, dass sich bei Wettkämpfen Schützen durchsetzen können, die noch nicht lange üben. Man muss nur die Geschicklichkeit haben, seine Fehler zu konditionieren.
Man könnte sagen, dass die Technik die Persönlichkeitseigenschaften transparent macht, so wie man schießt, so ist man.

Grüße
Yabusame
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